

Die wesentlichsten Fischbestände werden in den nächsten 20 Jahren nicht mehr als Nahrungsquelle zur Verfügung stehen, und dies bei weltweit steigender Bevölkerung, abnehmender landwirtschaftlicher Nutzfläche sowie gleichzeitiger Konkurrenz mit Futtermittel-pflanzen oder dem Anbau von Pflanzen für Biosprit. Das ist die sich anbahnende humanitäre Katastrophe, die eventuell durch technischen Fortschritt oder politische Einsicht wenn schon nicht verhindert, so doch gelindert werden kann.
Die ökologische Katastrophe des Verfalls eines gesamten Ökosystems, das zwei Drittel der Erdoberfläche bedeckt, wird dagegen kaum mehr zu verhindern sein, da weder der Politik, der Gesellschaft noch der Wirtschaft die erforderlichen Maßnahmen zuzutrauen sind und technologischer Fortschritt nur dazu führt, auch noch die restlichen Fischbestände aufzuspüren.
Nach Angaben der FAO (Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen) im Weltfischereibericht 2011 liegt der stagnierende Weltfischfang bei ca. 90 Mio. Tonnen bei steigender Nachfrage nach Fisch und Krebstieren. Die gesamte Weltfischproduktion betrug 2008 ca. 140 Mio. Tonnen, wobei die Differenz von 50 Mio. Tonnen aus der sich immer mehr ausbreitenden Aquakultur, also den sog. Fischfarmen, kommt. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch hat sich dabei in den letzten 50 Jahren auf ca. 16 kg pro Kopf und Jahr verdoppelt.
Nur 15 Prozent der weltweiten Fischbestände gelten nach Angabe der FAO als ungefährdet, ein Drittel der Fischbestände ist bereits derart überfischt, so dass die Bestände zusammengebrochen sind und die restlichen 50 Prozent werden - wie es so schön heißt - bis an ihr Maximum genutzt. Die europäischen Gewässer gelten dabei als die überfischtesten Gewässer überhaupt.
Auf einer mehrtägigen Tagung vom 11. bis 13.April 2011 unter Leitung des Internationalen Programms zur Lage der Ozeane (Ipso) und der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) wurde letztendlich festgestellt, dass bei der Beurteilung des Ökosystems der Ozeane sämtliche bisherigen Worst-Case-Szenarien bei Weitem übetroffen wurden. Neben der Verschmutzung der Meere und dem Klimawandel ist es die Überfischung, die tote Meeresregionen schafft, entweder durch tatsächliche Überfischung der Bestände oder auch durch extensive Fischerei mit Grundschleppnetzen, um am Boden lebende Fische wie Schollen, Seezungen und Garnelen zu fischen - zerstörte Meereswüsten sind das Ergebnis.
Der extensive Fischfang hat zudem erheblichen Einfluss auf den Bestand anderer Arten, die durch sog. Beifang beeinträchtigt werden, wie etwa Haie, Rochen, Robben, Schwertfische, Wale, Jungfische oder Delphine aber auch Tiere wie das Seepferdchen. So sterben jährlich über 300.000 Wale, Delphine und Tümmler jedes Jahr nutzlos als Beifang in den Netzen und an den HHaken der Leinen. Der WWF schätzt, dass jährlich ebenfalls 300.000 Vögel, wie Albatrosse, Sturmvögel, Sturmtaucher aber auch Punguine ertrinken, weil sie nach Ködern tauchen.
Die größte Fischfangnation ist China mit ca. 15 Mio. Tonnen Wildfang und ca. 30 Mio. Tonnen Fischproduktion aus Aquakultur, gefolgt von Peru mit ca. 7 Mio. Tonnen Wildfang und Japan, Indien und die USA mit Mengen um die 4 Mio. Tonnen Wildfang. In Europa liegt Norwegen mit über 2 Mio. Tonnen Wildfang und einer weiteren Mio. Tonne Fisch aus Aquakultur an der Spitze. In Deutschland liegt der Ertrag etwas unter der Menge von 1 Mio. Tonnen.
Interessant sind diese Zahlen, die auf dem Jahr 2008 basieren und von der FAO stammen, wenn man sich das Exportvolumen anschaut. Trotz stagnierenden Wildfischfangs steigt das Exportvolumen extrem in dem Zeitraum von 1988 – 2008 an. Während es 1988 noch 31,6 Mio. und 1998 dann 38,5 Mio., Tonnen waren, explodiert das Exportvolumen auf 55,4 Mio. Tonnen im Jahr 2008. Der Zwang des Wachstums um jeden Preis lässt sich daher auch aus dieser Statistik entnehmen. Auf den Weltmeeren fahren ca. 2,0 Millionen Schiffe zum Fischfang. Nur rund 2 % hiervon sind hoch industrialisierte Trawler, die mit 3-D Sonargeräten und Satellitennavigation Fischgründe und -schulen aufspüren und diese metergenau bis auf den letzten Fisch im Schwarm befischen können. Es fehlen hierzu Statisktiken, doch sei die Behauptung erlaubt, dass diese 20.000 - 40.000 Industrietrawler weitaus überwiegend dafür die Verantwortung tragen, dass mehr und mehr Fischbestände in Gefahr geraten, überfischt werden und die Möglichkeit der Reproduktion verlieren. 2012 wird zum Beispiel aller Wahrscheinlichkeit nach der letzte wild lebende Blauflossenthun seinen Weg in eine Konserve oder Sushi-Bar gefunden haben.
Die Instrumentarien, um die weltweite Überfischung und den Raubbau an den Meeren zu verhindern, sind relativ stumpf und im Übrigen politisch motiviert. Die FAO versucht es mit einem Verhaltenskodex für verantwortungsvolle Fischerei (Code of Conduct for Responsible Fisheries), die UN mit einem Abkommen zum Schutz für weitwandernde Fischarten (Agreement on Straddling Fish Stocks and Highly Migratory Fish Stocks). In Europa versucht die EU, zusammen mit Norwegen, der Überfischung durch Quotenregelungen zu begegnen. Als Grundlage dafür sollen zwar die Empfehlungen des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES, International Council for the Explotation of the Sea) gelten, doch liegen die tatsächlich festgelegten Quoten aufgrund wirksamer Lobbyarbeit und politischer Interessen erheblich über diesen Empfehlungen - mit der Folge der weiteren Reduzierung der Bestände.
Einige der am stärksten betroffenen und gefährdeten Arten sind Heilbutt, Kabeljau, Scholle und Seezunge, Schwertfisch, Rotbarsch und Dornhai. Keine genauen Angaben bestehen über sämtliche Tiefseefische. Generell abzuraten ist vom Fang von Thunfischen aller Art, und zwar sowohl aufgrund der bestandsbedrohenden Überfischung zahlreicher Bestände als auch wegen der Fangmethoden, wobei fraglich bleibt, inwieweit durch eine Änderung der Fangmethoden zur Reduzierung des Beifangs – insbesondere den Delphinen – beigetragen wurde. Zahlreiche Bestände des Blauflossenthuns im Atlantik sind, wie oben dargestellt, akut vom Aussterben bedroht und dem Zusammenbruch nahe. Die weltweiten Bestände des Gelbflossenthuns sind aktuell noch unterschiedlich zu bewerten, doch wird eine durchgehend hohe Befischungsintensität über kurz oder lang auch zu einem Zusammenbruch der noch gesunden Bestände sorgen. Der Bestand von Meerbrassen aller Art hat ebenfalls als vom Aussterben bedroht oder gefährdet zu gelten.
Der Verzehr von Plattfischen, wie z.B. den Seezungen, den meisten Thunfischen und insbesondere dem Schwertfisch, dem Seeteufel sowie dem Kabeljau/ Dorsch müsste sofort weltweit verboten werden, um diesen Beständen überhaupt noch eine Chance zum Überleben und zur Erholung zu geben. Die Umweltverbände, ob WWF, Greenpeace und andere versuchen, auch in Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie und insbesondere dem Handel, mit der Werbung für sog. genannten nachhaltigen Fischfang den Konsumenten davon zu überzeugen, nur Fisch aus nicht bedrohten Beständen zu kaufen. Produkte, die mit dem Siegel des Marine Stewardship Council ausgestattet sind, sollen dabei für einen umweltbewussten und nachhaltigen Fischfang stehen. Schaut man in die Tiefkühltheke eines Supermarkts, sind tatsächlich ca. 10 – 20 % aller Produkte mit diesem Siegel versehen, wobei sich die Auswahl auf Heringe und Seelachs aus bestimmten Fanggebieten zu reduzieren scheint.
Dann sollen Aquakulturen das Problem stagnierender bzw. zurückgehender Fischfangerträge lösen. Jedoch ist auch diese Form der Fischzucht nicht unproblematisch. Die Haltung von großen Mengen von Fisch auf engem Raum ist mit der Gefahr von Krankheiten, der mit der Zucht zusammenhängenden Gewässerverschmutzung und der Zerstörung von Küstengewässern, dort insbesondere den Mangrovenwäldern an den Küsten Asiens, verbunden. Nachhaltige und insbesondere Bio-zertifizierte Zuchten können diese Beeinträchtigungen mindern, doch helfen Aquakulturen dem Wildfischbestand nicht und steuern ebenfalls zu seinem Untergang bei.
2008 stammen ca. 50 Mio. Tonnen Fisch aus der Zucht. Zum gleichen Zeitpunkt werden ca. 20 Mio. Tonnen Wildfisch (also über 1/5 des gesamten Wildfischfangs) zu Fischmehl verarbeitet, wobei 70 % dieses Fischmehls und fast 90 % des Fischöls dabei als Futterzusatz für Zuchtfische benötigt werden. Eine Rechnung, die anscheinend zugunsten des Zuchtfisches spricht, doch wird dabei vergessen, dass nicht alle Zuchtfische Raubfische sind, die mit Fisch gefüttert werden. Für ein Kilo Lachs werden im Ergebnis fünf Kilo Fisch gebraucht, für Thunfisch 20 Kilo, so dass im Ergebnis Aquakulturen auch nicht aus dem Dilemma führen können.
Für die meisten Fischarten ist es zu spät, da mit einem weltweiten Fangstopp nicht zu rechnen ist. Die Überfischung ist daher neben der Verschmutzung der Ozeane sowie der Klimaveränderung eine bedeutende Ursache für den Zusammenbruch des Ökosystems Meer, von der Problematik des Beifangs ganz zu schweigen. Hier schwanken die Zahlen neben den offiziellen FAO-Statistiken, die nur den tatsächlichen Wildfischfang erfassen, zwischen 8 und 27 Mio. Tonnen im Jahr. Dies heißt, dass zusätzlich zum Wildfischfang von 90 Mio. Tonnen nicht gebrauchter Beifang in einer Größenordnung von zusätzlichen 10 – 30 % weggeschmissen wird - eine Katastrophe für das Ökosystem Meer und eine Verschwendung von Biodiversität ohnegleichen.
Der Fischfang dient in erster Linie dem Konsumenten – dieser kann handeln, mit nachhaltigem Kauf, wie von den Umweltverbänden gefordert und unterstützt – oder mit einer wirksameren Waffe: der Verweigerung, Meerestiere aller Art, Fisch oder Fischprodukte zu kaufen und/oder zu verzehren. Der aktuelle langsame Bewusstseinswandel von Politik, Industrie, Handel und Verbrauchern wird keinem Fischbestand mehr helfen. Das für große Teile der Weltbevölkerung wesentliche Grundnahrungsmittel Fisch ist mit unabsehbaren Folgen in Gefahr, nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Fisch ist heute die Nahrungsquelle von 2,6 Milliarden Menschen - was geschieht, wenn diese Nahrungsquelle - und dies ist absehbar und beinahe unumkehrbar - nicht mehr zur Verfügung steht?
Auch wenn Fisch aufgrund des sagenumwobenen Omega-3-Fettsäuren zum modernen und gesunden Lifestyleprodukt geworden ist, kann sich jedermann, der in Ländern mit ausreichendem Nahrungsmittelangebot lebt, dem Kauf und Verzehr von Fischen und Fischprodukten verweigern, ohne auf die gesundheitsfördernde Wirkung der Omega-3-Fettsäuren verzichten zu müssen, da diese ausreichend in Tofu, Mandeln, Walnüssen und in vielen Pflanzenölen, z.B. aus Leinsamen oder Raps zu finden ist, wobei neueste Untersuchungen sogar gezeigt haben sollen, dass Rapsöl gesundheitlich noch wertvoller als Olivenöl ist. Daher sollte sich jedermann überlegen, sich dem Vorsatz anzuschließen.
No more fish
und sei es, um seinen Protest gegen die Zerstörung des einzigartigen Ökosystems der Ozeane zum Ausdruck zu bringen.